Erst wenn du Pferden auf Augenhöhe begegnest, wird eure Begegnung tief…
Pferde verstehen und pferdefreundlich Reiten
Sicherheit und Freundschaft entstehen nicht von alleine
Begegnung auf Augenhöhe – was bedeutet das?
Einer der wichtigsten Momente in meinem Leben war ein eher zufälliges Gespräch mit einer Mit-Einstellerin vor sehr vielen Jahren: Ohne besonderen Anlass sagte sie zu mir „Weißt du, du behandelst dein Pferd immer als wäre sie eine Freundin für dich“. Und es klang irgendwie ein bisschen wehmütig. Ich war irritiert – wie sollte ich sie sonst behandeln? Warum sagte sie „als wäre dein Pferd eine Freundin“ und nicht „du behandelst sie wie eine Freundin“? Ich hatte noch nie bewusst über Freundschaft mit Pferden nachgedacht. Aber als ich es tat, wurde mir klar, dass ich mein damaliges Pferd „Shira“ selbstverständlich als Freundin sah. Und zwar nicht nur, dass ICH SIE mochte und ihre Freundin sein wollte. Sondern ich war mir auch sicher, dass sie mich als Freundin sah.
Kurz darauf besuchte ich einen Marketing Workshop für Pferdetrainer. Aufgabe war es, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, das einen von den anderen Trainern unterschied. Als ich es mit „Freundschaft zwischen Pferd und Mensch“ versuchte, war die Gruppe zu meiner Überraschung entsetzt. Sogar von anderen Horsemanship Trainern kam „das gibt es nicht – Freundschaft zwischen Pferden und Menschen existiert nicht!“
Offensichtlich war Freundschaft in der Reiterwelt ein unbekanntes Phänomen… Aber nur weil viele es nicht kennen, heißt es nicht, dass es nicht möglich ist. Ab dem Zeitpunkt ging ich heimlich und still auf die Suche, wie ich Freundschaft mit Pferden erklären kann – und wie ich Menschen helfen kann, sie gezielt entstehen zu lassen. Jetzt wird es Zeit, darüber offen zu reden.
Freundschaft bedeutet nicht, dass Pferde Menschen werden.
Freundschaft hat auch bei Menschen viele Facetten. Manche Menschen haben sich noch nie wirklich mit dem Begriff auseinandergesetzt, und andere haben total romantisierte Vorstellungen von Freundschaft.
Pferde bringen uns – wie immer – mehr Klarheit und ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen und auch von uns selbst. Was Freundschaft nicht bedeutet: weder bei Pferden (noch bei Menschen!) ist:
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…dass du nie verletzt werden kannst.
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…dass der andere immer tut was du willst.
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…dass es nie verschiedene Meinungen gibt.
Freundschaft bedeutet aber durchaus:
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…dass es eine besondere innere Verbindung gibt, die dazu führt, dass man den anderen mehr unterstützt als jemand anderen.
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…dass man die Nähe genießt, gerne zusammen ist.
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…dass man miteinander wächst und sich weiterentwickelt.
Und das gibt es sowohl zwischen Pferden als auch zwischen Pferden und Menschen.
So kann Freundschaft zwischen PFered und Mensch aussehen:
Freundschaft – Vertrauen – Leitpferd sein
Pferde brauchen von uns mehr als Freundschaft damit wir – und sie – in unserem Alltag zurecht kommen – und um glücklich zu sein. Zuerst mal: es ist keine Freundschaft, das Pferd in einem wunderschönen Offenstall abzustellen und es dann 3x pro Woche zu putzen und zu streicheln. Diesen Pferden fehlt nicht nur Bewegung, es fehlt auch Leben und Aufgabe. In der Wildbahn gäbe es viele Herausforderungen – vom Fohlen erziehen bis zu anderen Tierbegegnungen. Jeden Tag würde unser Pferd eine andere Landschaft sehen. Jeden Tag müsste es zur Wasserstelle laufen und hätte dabei unterschiedliche Untergründe unter den Hufen. Es müsste aufpassen, wohin es seine Füße setzt… Auch ein gut gemachter Offenstall ersetzt das nicht. Selbst wenn wir den Paddock oder den Trail-Weg gestalten – er bleibt doch jeden Tag gleich! Das reicht nicht für ein erfülltes Pferdeleben. Pferde wollen gebraucht werden. Pferden brauchen eine Aufgabe…
Aber was sie nicht brauchen, und was einfach schnell zu viel für sie wird, ist Stress. Pferde als Fluchttiere vertragen Stress und Aufregung deutlich kürzer und insgesamt deutlich weniger als wird. Damit möglichst wenig Stress entsteht, brauchen sie Vertrauen zu uns, und zwar ziemlich viel davon. Und damit für uns bei der ganzen Sache nicht zu viel Stress entsteht, brauchen wir die Leitpferde-Position in unserer kleinen 2er Herde. Denn Vertrauen alleine reicht nicht aus, damit unser Pferd zuverlässig auf uns hört. Und z.B. an der nächsten Strass anhält, oder nicht einfach zum Gras zieht.
Freundschaft bedeutet also: unser Pferd mag uns individuell.
Vertrauen bedeutet: unser Pferd hat keine Angst vor uns und dem was wir tun. Es hat keinen Stress mit dem Ort, an den wir es bringen.
Und Leitpferd sein bedeutet: unser Pferd hört auf uns. Es nimmt uns ernst. Es reagiert auf feine Hilfen.
Du brauchst also alles drei, wenn du eine gute Zeit mit Pferden haben möchtest.
Schlechte ERlebnisse mit PFerden:
Jeder, der lange genug mit Pferden zu tun hat, hat früher oder später auch ein schlechtes Erlebnis mit einem Pferd.
Das Pferd zieht den Menschen zum Gras, es schnappt beim Satteln, es erschreckt sich, es buckelt, es scheut in der Hallenecke vor einem Hallengespenst, es läuft schneller als es soll, es lässt sich nicht zuverlässig anhalten, es lässt sich nicht gut einfangen, es zappelt beim Hufe geben, es mag beim Ausritt nicht an einer harmlosen Mülltonne vorbei gehen uvm.
Viele Leute geben, wenn man sie danach fragt, erstmal nicht zu, dass sie schlechte Erlebnisse mit Pferden kennen.
Spannenderweise wollen sie damit meistens nicht sich selbst schützen – sondern viel öfter das Pferd (das ja nichts dafür kann), und auch ihr Hobby. Es ist schließlich auch schwer zu erklären, warum man von etwas so fasziniert ist, das doch so relativ gefährlich ist, und bei dem doch so relativ oft Dinge nicht so funktionieren, wie man es gerne hätte. Und viel Geld kostet das ganze Pferdehobby dann auch noch.
Partner, Eltern und Freunde verstehen das oft nicht und sagen: „Such dir doch was einfacheres! Wenn du Tiere liebst, kauf dir doch einen Hasen. Der ist viel billiger, und von dem kannst du nicht runterfallen!“
Nicht zu Unrecht spricht man aber vom „Pferdevirus“. Wer ihn hat, weiß, was ich meine… Man kann es nicht lassen… Es gibt einen starken inneren Drang, der uns zu den Pferden holt. Und das können Menschen ohne „Pferdevirus“ nicht verstehen.
Auch wenn es die meisten nicht in Worte fassen können: Wenn es gut läuft, finden wir bei den Pferden etwas, das uns wirklich gut tut. „There is something about the outside of a horse that is good for the inside of a man.“ (Winston Churchill)
Gründe für Schlechte ERlebnisse verstehen:
Die ganzen schlechten Erlebnisse mit Pferden haben etwas gemeinsam:
Das Pferd war überfordert oder einfach nicht einverstanden.
Dem Pferd haben entweder Informationen gefehlt, was es eigentlich hätte tun sollen, oder auf seine innere Welt und vor allem seine Emotionen ist nicht genug Rücksicht genommen worden.
Komischerweise versteht das aber die Reiterwelt noch nicht – obwohl es doch so offensichtlich ist. Und anstatt das Pferd emotional dort abzuholen wo es ist, oder ihm in pferdeverständlicher Art und Weise Infos zu liefern, was es eigentlich tun soll, versuchen wir aus Unwissen, menschlichem Instinkt oder einfach falschen Trainings-Lehrmethoden:
– Mehr Druck zu machen, in der Annahme, wenn wir „lauter“ werden, würde unser Pferd besser reagieren. Das stimmt sogar teilweise erstmal – führt aber dazu, dass unser Pferd nicht mehr gerne mit uns zu tun hat. Das wiederum bekommen wir in irgendeiner anderen Situation dann „aufs Brot geschmiert“. Und unser Pferd scheut in der Hallenecke, ohne ersichtlichen Grund. Einfach weil es VON UNS und unseren Problemlösungsstrateigen latent gestresst und überfordert ist. Und irgendwann bricht es halt raus…
– Bessere Hilfsmittel zu verwenden. Nach dem Motto: dieses eine Halfter, dieser besondere Hilfszügel, oder diese spezielle Körper-Bandage wird alles verändern! …tut es aber nicht. Auch ein Westnersattel gibt dir nur vordergründig mehr Sicherheit, genauso wie keine Kandare der Welt ein ernsthaft durchgehendes Pferd stoppen kann.
– Beritt und Ausbildung von Pferd oder Reiter: Überraschend viele Reiter glauben, es läge an ihrem reitereichen Fähigkeiten, wenn das Pferd nicht mitmacht, oder aber, das Pferd sei einfach nicht gut genug ausgebildet. Nach dem Motto: wenn wir erst piaffieren können wird mein Pferd nie mehr in der Hallenecke scheuen. Oder ich werde dann so gut sitzen können, dass es mir nichts mehr ausmacht! Beides stimmt nicht…
Weder mehr Druck, mehr Chef sein, noch bessere Hilfsmittel oder mehr Ausbildung lösen die angesprochenen Probleme. Denn keine dieser Lösungen setzt überhaupt auf der Ebene an, auf der die typischen schlechten Erlebnisse stattfinden: auf der Kommunikations- Vertrauens- oder Leitpferde Ebene.
Was unser Pferd von uns braucht:
Jedes Pferd mit dem du zu tun hast, braucht von dir vor allem 2 Dinge. Und zwar egal ob du es nur putzt, Bodenarbeit machst, Spazierengehen willst oder es reiten willst. Diese zwei Dinge sind:
1. Das Pferd will dich verstehen. Wenn es dich nicht versteht, vertraut es dir nicht. Wie weit würdest du jemandem vertrauen, der dich verwirrt? Der komische Sachen sagt? Den du nicht verstehst – oder nur manchmal, und die Hälfte davon scheint für dich missverständlich? Nicht weit, oder…?
Leider psst hier die Menschenspraiche nicht so 100% mit der Pferdesprache zusammen. Wir müssen uns deshalb aktiv darum bemühen, zu lernen, wie Pferde untereinander kommunizieren. Wie wir also Pferdekommunikation nutzen können, so dass unser Pferd uns auf natürliche Art und Weise versteht. Das ist nämlich möglich. Und es ist gar nicht solo schwierig, aber ein bißchen damit beschäftigen muss man sich schon!
2. Das Pferd will sich bei dir geborgen fühlen. Es will, dass wir aus seiner Sicht gute, pferdelogische und klare Entscheidungen treffen. Es will seine Natur und seine Emotionen berücksichtigt haben, weil es sonst sich nicht wohl fühlt und überfordert ist. Dazu müssen wir Pferdepsychologie in der Praxis anwenden. Und zwar jeder von uns! Auch wenn du „nur“ ein Anfänger bist: wenn du die Hufe deines Pferdes nehmen möchtest, und es gibt sie dir nicht perfekt, dann musst DU die Situation führen lernen. DU musst in dieser Situation das Pferd überzeugen, dass Menschen an sich es gut mit Pferden meinen. Dass man mit uns zusammenarbeiten kann. Dass es sich mit uns geborgen fühlen kann. Ich weiß, es klingt etwas anspruchsvoll, wenn ich sage: jede Situation zählt. Aber es ist einfach die Wahrheit: Pferde bilden sich nonstop eine Meinung über dich persönlich und über Menschen an sich…
Die gute Nachricht ist: du kannst es lernen. Jeder kann es lernen! Und es ist gar nicht sooo schwierig wie viele meinen. Und: wenn du mal einen Fehler machst, ist nicht alles gleich verloren! Aber: von selbst geht es auch nicht. Du musst schon ein bisschen was dafür tun…
Und: das was du gewinnst ist fantastisch:
99% aller schlechten Erlebnisse tauchen gar nicht mehr auf.
Das Pferd verbringt gerne Zeit mit dir.
Das Gefühl, das Pferd dauernd kontrollieren zu müssen, verschwindet.
Unsicherheiten lösen sich auf.
Leichtigkeit entsteht.
Vertrauen und Freundschaft entstehen.
Pferdefreundlich Reiten:
Schau mal den nächsten 10 Reitern, die du triffst, beim Reiten ins Gesicht. Wer sieht so aus, als würde ihm Reiten wirklich Spaß machen? Wer strahlt von Herzen, weil er auf einem Pferd sitzen darf? Die wenigsten… Und beobachte dich mal selbst: Welche Gefühle begleiten dich beim Reiten, wenn du wirklich ehrlich mit dir bist? Du WEISST, dass reiten schön ist. Und dass du glücklich sein solltest. Aber bist du es auch? Fühlst du es? Und falls nein, warum nicht?
Als ich vor mehreren Jahren meine Horsemanship Reitschule in Puchheim gründete, war mir dieser Punkt noch nicht so bewusst. Ich beobachtet meine eigenen Schüler, und war umzufrieden. Warum waren sie beim Reiten nicht glücklich?
Eine Selbstständigkeit hat viele Nachteile, aber auch einige Vorteile. Einer davon ist, man kann ändern was man will. Also begann ich, zu beobachten und auszuprobieren. Was führt dazu, dass meine Schüler auf dem Pferd innerlich loslassen können?
Die Antwort war faszinierend:
Es ist weder der Sitz, der zu schlecht ist. Auch wenn ein schlechter Sitz auf jeden Fall dazu führt, dass man sich nicht wohl fühlt, führt ein guter Sitz nicht automatisch dazu, dass man sich glücklich auf dem Pferd fühlt.
Noch waren es die falschen Übungen, die geritten wurden. Auch wenn es natürlich hilft, wenn weder Pferd noch Mensch überfordert sind.
Und natürlich waren es auch weder die falschen Hilfsmittel, noch der Ausbildungsstand von Pferden oder Reitern.
Vielmehr war es das Gefühl des Pferdes (!) zum Reiten, das die Reiter unbewusst gespürt haben. Du kannst fühlen, ob dein Pferd dich gerne trägt. Oder ob es nicht so ganz überzeugt ist. Ob es mit dem Herz nicht so ganz dabei ist. Und das passiert leider tatsächlich relativ schnell, auch ganz ohne grobe Hilfen oä. Und obwohl meine Schulpferde immer „ok“ waren und nie einfach mal so gezwungen werden, mitzumachen, ist es ganz offensichtlich ein Unterschied, wenn sie wirklich JA sagen. Und ja, das ist möglich! Und nein: natürlich ist das niemals die ganze Zeit so, dann wären wir ja perfekt. Und das ist niemand :-).
Aber wenn es da ist, dann kommt auch das echte Strahlen der Reiter. Eines, das von innen heraus kommt, und nicht einfach aufgesetzt wird, weil man gefälligst lächeln soll beim reiten. Ein Strahlen, das mein Herz berührt, wenn ich Menschen reiten sehe.
Und was brauchst du dafür: na ja, hier kommen wir wieder am Anfang an: du musst von Pferden verstanden werden, und sie müssen sich bei dir geborgen fühlen... zuerst am Boden. Und dann beim Reiten. Es ist kein Hexenwerk. Du musst es nur lernen. Und zwar von Anfang an. Und dann einfach nie mehr damit aufhören :-)!